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WM-Countdown: «In Wien muss jeder Handgriff sitzen»

Kaum einer kennt die Körper unserer WM-Athletinnen so gut wie sie: Estelle Hofstetter ist Sportphysiotherapeutin in der Schulthess Klinik Zürich und betreut seit 2013 die Beachvolleyball Nationalteams. Die 32-Jährige begleitet die Schweizer Delegation nach 2015 bereits zum zweiten Mal an die WM. Im Interview verrät sie, warum in ihrem Gepäck kaum Platz für Kleider bleibt, wie ihr Arbeitsalltag in Wien aussehen wird und warum sie für die Athleten nicht nur Bezugsperson, sondern auch Freundin geworden ist.

Estelle Hofstetter (zVg)

Estelle Hofstetter (rechts) in Gstaad beim Medical Time Out von Joana Heidrich. (Photo Adrian Knecht/chef.li)

Estelle, du bist oft mit den Swiss Volley Nationalteams im Ausland unterwegs. Inwiefern ist eine WM auch für dich speziell?
Für mich ist nach wie vor jedes Turnier mit den Nationalteams speziell. Die WM erstreckt sich über einen längeren Zeitraum, so ergibt sich ein anderer Spielrhythmus. Meist wird nur ein Spiel pro Tag gespielt, manchmal gibt es einen spielfreien Tag, wo ‘nur’ trainiert wird. Unter den 48 WM-Teams sind auch ‚exotische Teams‘ – z.B. aus Mozambique – denen wir sonst nie begegnen.

Wie schwer ist dein Gepäck mit dem ganzen Material? Was kommt alles mit?
Beim Packen bin ich inzwischen routiniert. Für Turniere innerhalb Europa darf ich die 23kg-Grenze nicht überschreiten, eine Challenge. Für Kleider bleibt nicht viel Platz, denn das meiste Gewicht geht für Material drauf wie Massageöl, Desinfektionsspray, Kühlspray etc. Weiter kommen diverse Medikamente mit, da wir Physiotherapeuten oft die erste Anlaufstelle für jegliche Blessuren, Schnupfen, Bauchweh etc. sind. Akkupunkturnadeln, Verbandsmaterial etc. sind auch dabei. Ausserdem nehme ich verschiedene Leuko-, Kinesio- und Tensoplastsport-Tapes mit – mindestens 12 Rollen. Zu meinem riesigen Koffer kommt noch die Massageliege von 14kg dazu. Wenn also am Flughafen eine Person vor lauter Gepäck kaum noch sichtbar ist, bin das wohl ich!
 
Wie sieht ein typischer Arbeitstag an einer WM für dich aus?
An einem Spieltag werden nach dem Frühstück Vorbereitungen getroffen wie tapen oder mobilisieren der Gelenke, je nach Bedarf der Athletinnen. Während dem Warm-up unterstütze ich falls nötig mit einer Sequenz spezifischen Stabilisationsübungen für Schulter, Rumpf oder Beinachse. Während dem Spiel sitze ich direkt am Spielrand, damit ich ready bin, falls die Athletinnen während dem Spiel etwas von mir brauchen. Das kann ein Magnesiumpulver gegen Krampferscheinungen sein oder eine grössere Behandlung im Medical Timeout. Wichtig von meiner Seite ist, möglichst ruhig zu bleiben, um den Spielerinnen Sicherheit zu geben, und innerhalb kürzester Zeit eine optimale Lösung für ihr Anliegen zu finden. Am Abend besuchen mich die Spielerinnen in meinem Hotelzimmer für die offizielle Physiozeit. Dabei behandle ich in aller Ruhe all ihre Anliegen und nehme mir viel Zeit für sie. Zum Schluss gibt es noch einen kleinen Austausch mit den Trainern. An solchen Tagen komme ich kaum vor Mitternacht ins Bett, trotzdem schlafe ich immer zufrieden und happy ein.

Ist es tatsächlich so, dass die Physios nicht nur den Körper behandeln, sondern oft auch eine enge Bezugsperson sind, dem die Athleten all ihre Sorgen anvertrauen?
Die Physiozeit ist für den Athleten oft der Moment, in welchem wenig von ihm gefordert wird, eine ideale Plattform also, um private Sachen zu besprechen oder Sorgen loszuwerden. Je länger wir Physiotherapeuten mit Spielern arbeiten, desto enger werden die Beziehungen. Inzwischen sind die Beach Nationalteams viel mehr als nur ‚Athleten‘ für mich, es sind gute Freundschaften entstanden. Da tauscht man sich mehr aus und vertraut mir auch mehr an. Das ist ein schöner Nebeneffekt unseres Jobs. Die Athleten wie auch wir Physios stecken viel Herzblut in die Wettkämpfe, und die Emotionen machen das Ganze sehr spannend und lebendig.

Wann hast du gute Arbeit abgeliefert? Was kannst du dazu beitragen, damit unsere beiden Schweizer Teams in Wien ihre Höchstleistungen abrufen können?
Eigentlich steckt die Hauptarbeit nicht an der WM in Wien, sondern viel früher in der Vorbereitung sowie in der Saison mit dem ganzen Staff, vor allem den Trainern. Wir versuchen alle möglichst eng zusammenzuarbeiten und so den Spielern eine möglichst verletzungsfreie Saison zu ermöglichen. Wir arbeiten viel im prophylaktischen Bereich, somit haben wir gute Arbeit abgeliefert, wenn die Athletinnen in Wien ‚nur‘ für das Lockern der Muskulatur zu uns kommen. Die Arbeit vor Ort ist trotzdem von grosser Bedeutung. Es ist wichtig, bei Problemen schnell reagieren zu können. Jeder Handgriff muss sitzen. Dank der langfristigen Zusammenarbeit kenne ich die Körper der Athletinnen gut. So erkenne ich Probleme meist früh und kann sie oft mittels einiger Handgriffe positiv beeinflussen.

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Die Schulthess Klinik ist Leading Partner von Swiss Volley und stellt den Nationalteams Beach und Indoor für internationale Turniere erfahrene Physiotherapeuten zur Seite. Herzlichen Dank!


©Swiss Volley

Kategorie: Beachvolleyball