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Spiele auf der "Postkarte der brasilianischen Sehnsucht"

Im Selbstverständnis der Brasilianer ist Beachvolleyball, genauso wie der Fussball, so etwas wie geistiges Eigentum des Landes. Das zeigte sich nirgendwo so deutlich wie am berühmtesten Strand der Welt.

Wer den Chauvinismus des Olympia-Gastgebers einmal erleben wollte, der wurde an der Copacabana fündig. Dort steht, gleich an der Grenze zum nahtlos folgenden Strand- und Stadtteil Leme, das Beachvolleyball-Stadion. Ein Koloss aus Stahl, rund 12'000 Zuschauer fassend, einer Arena an einem grossen Schwingfest in der Schweiz ähnlich. Mit den grossen Unterschieden aber, dass nur auf einem Platz im Innern der Arena Sport betrieben wird - und dass das Publikum am Sägemehlrand Fairness grossschreibt.

 

Die Olympia-Organisatoren haben viel dafür getan, Beachvolleyball als Show zu inszenieren. Die Anspielzeiten wurden neben dem heimischen und dem US-TV-Markt auch den nationalen Gepflogenheiten angepasst.

 

Anpfiff um Mitternacht? Kein Problem, dann würde oftmals eh noch gegessen oder getrunken. Und sowieso kein Problem, solange brasilianische Teams im Einsatz standen. Dann war das Publikum zahlreich vor Ort, laut, farbig, schrill, in Tanzlaune.

 

Tickets wurden immer phasenweise verkauft, für zwei oder vier Partien. Das bekamen dann eben auch die Duos zu spüren, die nicht gegen einheimische Tandems spielten. Ihre Auftritte fanden vor mindestens halbleeren Rängen statt.

 

Das Geschehen im Sand war nicht hauptsächlich. Beim Beachvolleyball sassen vielleicht auch deshalb so viele Kinder wie an keinem anderen Olympia-Anlass im Stadion. Es wurde allenthalben unterhalten. Direkt neben dem Court waren Matten gelegt, um Tänzern - oder waren es Kunstturn-Akrobaten? - nach jedem Punkt die Möglichkeit zu geben, sich für ein paar Sekunden auszutoben. Zwischen den meerseitigen Tribünen spielte eine Samba-Band live. Je bekannter das Lied, desto exzessivere Bilder fingen die Kameras ein.

 

Eine hing an einem Helikopter, der eigentlich den ganzen Tag mal weniger nahe, mal näher über den Court schwebte. "Für 1,5 Sekunden Bilder pro Spiel", wie Julius Brink, der deutsche Olympiasieger von 2012 und jetzige ARD-Kommentator, zu Recht monierte. Auch die Spieler empfanden das Geknatter des Helis als störend. Die Bilder bekamen sie ja ohnehin nicht zu sehen.

 

Bleibenden Eindruck hinterliess das mächtige Ambiente bei vielen. Nadine Zumkehr sprach zum Beispiel vom mit Abstand schönsten Spiel ihrer Karriere. Obwohl sie Minuten davor mit ihrer Partnerin Joana Heidrich gegen die Brasilianerinnen Larissa/Talita auf bittere Weise im Viertelfinal gescheitert war. Und obwohl sie das Publikum gegen sich hatte - in einer Art, die sich nicht-südamerikanische Kommentatoren, Zuschauer oder Spieler nicht gewohnt sind.

 

Und genau hier lag der Makel der grossen Party auf der "Postkarte der brasilianischen Sehnsucht", wie die "NZZ" diese Woche in einem lesenswerten Artikel über die Copacabana schrieb. Die Zuschauer feierten die Eigenen ab, die Gegner wurden gnadenlos ausgebuht, Fehler frenetisch beklatscht.

 

In der zweiten Olympia-Woche änderte sich dies etwas. Die Lautsprecher-Durchsagen, doch bitte Fairness walten zu lassen, halfen offensichtlich. Davor war es selbst im sportlichen Sinn "das Eintauchen in die schönste kollektive Sinnestäuschung zwischen Nord- und Südpol" (NZZ über die Copacabana) gewesen.

 

Brasilien drohte zum dritten Mal in Serie ohne Olympia-Gold im Beachvolleyball auszugehen. Da war jedes Mittel recht. In der Nacht auf Samstag stand mit Alison/Bruno Schmidt im Männerfinal noch der dritte und letzte Trumpf im Einsatz.

 

Die beiden im Frauenturnier hatten nicht gestochen. Agatha/Barbara waren aber nach anfänglichem Tränenmeer und erstaunlicher Stille im Stadion mit Silber zufrieden, Larissa/Talita verloren das Spiel um Bronze. Da hatten Spielerinnen und Zuschauer begriffen: Gegen übermächtige Gegnerschaft zu verlieren ist nicht immer schlimm. Das Publikum akzeptierte das zähneknirschend - und applaudierte kurz vor ein Uhr Ortszeit den Deutschen Laura Ludwig/Kira Walkenhorst, zwei Spielerinnen des Hamburger SV.

 

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Kategorie: Rio Beach