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Tanja Hüberli/Nina Betschart: Schritt für Schritt an die Weltspitze

Sie spielen erst das zweite Jahr gemeinsam auf der World Tour, trotzdem etablieren sich Tanja Hüberli und Nina Betschart je länger je mehr als Beach-Duo auf Weltniveau. Und sie haben auch an der WM in Wien etwas vor. So unterschiedlich der Werdegang der beiden Innerschweizerinnen ist, so gut ergänzen sie sich im Sand. Ein Portrait.

Der Bronzejubel beim Major in Porec. (Photo FIVB)

Tanja Hüberli beim Kids Training in Gstaad. (Photo Melanie Duchene)

Nina gibt keinen Ball verloren. (Photo FIVB)

Outdoor Sand-Training bei 7 Grad ...

... aber auch mal eine Kokosnuss im Warmen :-) (Photos zVg)

Stark am Block: Tanja Hüberli. (Photo FIVB)

Schritt für Schriit an die Weltspitze. (Photo Melanie Duchene)

„In diesem einen Match haben wir so viele Fehler gemacht wie sonst an einem ganzen Turnier“, meint Tanja Hüberli angesprochen auf die bittere Niederlage gegen Summer/Sweat in Olsztyn – der 1. Satz ging mit 5:21 verloren. Dieses Match sitze ihnen noch ein wenig in den Knochen,“ sagt die Schwyzerin, fügt aber gleich schmunzelnd an: „Aber besser das ist in Polen passiert als nächste Woche an der WM, oder?“ Genau. Aufstehen, nach vorne schauen, und ein bisschen darüber lachen heisst das Motto. Denn bis auf das eine Match war die Saison 2017 für das Nationalteam Hüberli/Betschart geprägt von guten Leistungen und einer steten Entwicklung. Spielerisch wurden die beiden von Turnier zu Turnier besser. Nach dem dritten Platz beim Major in Klagenfurt 2016 schafften sie dasselbe vor einem Monat beim Major in Porec. „Wir spielen nun aber auf einem höheren Grundniveau als noch letztes Jahr, wir gewinnen heute auch Partien, ohne ans äusserste Limit zu gehen, da haben wir einen grossen Schritt gemacht“, sagt Nina Betschart. Das Potenzial des Duos ist noch lange nicht ausgeschöpft, und trotzdem mischen die A-Kaderathletinnen bereits mit den besten Teams der Welt mit.

„Ich komme mit Dampf daher“

Tanja Hüberli, 2014 mit Tanja Goricanec Vize-Europameisterin, suchte nach deren Rücktritt eine neue Defense-Spezialistin und fand sie in der jungen Zugerin Betschart. „Wir ergänzen uns spielerisch sehr gut, auch wenn wir als Typen unterschiedlich sind. Nina bringt eher die Ruhe ins Spiel, ich komme mit etwas mehr Dampf daher“, meint „Hübi“. Die bald 25-Jährige kam nach Stationen beim VBC March, dem VBC Pfäffikon und dem TSV Jona mit 19 Jahren und einem Profivertrag in der Tasche in den Jura zu VFM in die NLA. Beachvolleyball spielte die 1.90 Meter grosse Blockerin unterdessen zwar auch. Der endgültige Wechsel in den Sand erfolgte aber erst 2013. Unterdessen habe sie viele Freundschaften auf der Tour geknüpft, sagt die Reichenburgerin. „Das hilft über die vielen langen und unbequemen Reisetage hinweg. Ich komme aber auch immer gerne nach Hause zurück.“ Nicht ohne Grund. Tanja hat ein enges Verhältnis zu ihrer Familie, das Haus ihrer Eltern mit Blick auf den Zürichsee bezeichnet sie als Kraftort, an den sie sich an jedem freien Tag zurückziehe. Neben den Trainings besucht die Nationalspielerin in Bern seit 2012 im Teilzeitstudium die Pädagogische Hochschule: „Ich will fertig sein, wenn ich aufhöre mit dem Spitzensport“. Die WG teilt die leidenschaftliche Köchin mit ihrer besten Freundin. Diese hat sich vor einer Woche bereits mit dem Velo auf den Weg nach Wien gemacht, damit sie das Schweizer Duo an der WM unterstützen kann.

Hüberli laboriert seit einem Kapselriss 2014 mit verschiedenen Beschwerden an ihrem grossen Zeh herum, ansonsten habe sie wenig körperliche Schwachstellen. Im Mentalbereich greifen beiden Spielerinnen auf die professionelle Unterstützung des Sportpsychologen Lothar Linz zurück. „Das ist enorm wichtig. Früher liess ich mich noch viel stärker von meinen Emotionen leiten, gerade wenn ich nervös oder hässig war, da habe ich mich entwickelt.“ Geduld sei hingegen etwas, woran sie noch arbeiten müsse. Genauso wie an einigen technischen Elementen. Ihren Block, den Spielwitz sowie ihre Willensstärke und der Kampfgeist bezeichnet die Innerschweizerin als ihre grössten Stärken. „Ich investiere viel in den Sport, ich verzichte auch auf einiges. Mein Leben als Beachvolleyballerin gefällt mir aber so gut, das ist Motivation genug!“

„Ich werde kein Sprungwunder mehr“

Nina Betschart ist noch keine 22 Jahre alt, spielt aber bereits ihre zehnte Beachvolleyball-Saison. Sie hat im Nachwuchsbereich alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Mit Nicole Eiholzer dominierte sie die nationalen Nachwuchskategorien U15 bis U21 mit fünf Meistertiteln zwischen 2008 und 2012. Bis 2015 kamen je zwei U20- und U22-EM-Titel, Gold an den European Games sowie zweimal U21-WM-Gold dazu. Letztere einmal an der Seite von Joana Heidrich und einmal neben Anouk Vergé-Dépré. „Der Schritt vom Mädchen zum Frauen-Beachvolleyball war dann aber auch für mich ein grosser“, sagt Betschart rückblickend. Erstens hätte der Partnerwechsel von Eiholzer zu Hüberli seine Zeit gebraucht. „Wir wussten, dass die Trennung früher oder später erfolgen würde, waren dann aber doch überrascht, als es passierte. Ich bin immens froh, dass Nicole mit Dunja Gerson auch wieder eine super Partnerin gefunden hat.“ Zweitens müsse sie sich vieles hart erarbeiten, auch wenn sie viel Talent fürs Beachvolleyball mitbringt. „Ich bin kein Sprungwunder. Bei nur 1.76 Meter Körpergrösse kämpfe ich im Sand um jeden Zentimeter Sprungkraft.“ Vor allem im Winter im nicht sonderlich geliebten Kraftraum brauche das eine Portion Überwindung. Die Defense-Spezialistin ist vom Naturell her eher zurückhaltend und musste die nötige Aggressivität auf dem Feld erst lernen. „Letzte Saison wurde ich noch schnell unsicher oder hatte zu viel Respekt gegenüber den grossen Namen auf der Tour. Mit den guten Leistungen und Resultaten ist unterdessen aber die Gewissheit da, dass wir mit den weltbesten Teams mithalten können.“

Grossen Anteil an ihrer Entwicklung habe neben den Nationaltrainern von Swiss Volley auch Kurt Brunner, der die Zugerin schon seit Beginn ihrer Karriere begleitet, auch heute noch im Athletikbereich. „Dank dem behutsamen Aufbau, gerade im Kraftbereich, habe ich heute körperlich kaum Beschwerden, das ist eine wichtige Basis.“ Die Steinhauserin, die mit Eishockeyspieler Damien Brunner liiert ist, studiert seit 2015 im Fernstudium Psychologie, das sei flexibel gestaltbar und deshalb ideal neben dem Leistungssport. Nach der Beachkarriere kann sich Betschart vorstellen, mit Kindern zu arbeiten. Sie selbst habe einen engen Bezug zu ihren Eltern, ihrer jüngeren Schwester Mara – ebenfalls ein Beachvolleyball-Talent – und ihrem älteren Bruder. Oft reist sie nach Hause ins Zugerland oder dann eben ins Tessin, wo ihr Freund wohnt. „Die langen Auslandreisen an die Turniere gehören zu unserem Sport dazu, aber sie zehren“, sagt sie. In Bern wohnt auch sie in einer WG, mit B-Kaderathletin Elena Steinemann. „Es ist schön, dass zwei meiner engsten Bezugspersonen auch Leistungssport betreiben und so vieles einfach verstehen, ohne dass man gross etwas erklären muss.“ Falls es einmal Freizeit gibt, trifft sich Betschart gerne mit ihren Liebsten, liest Romane oder schaut Serien wie Gossip Girl. Typsich Frau? „Ich bin gerade bei Filmen einfach ein riesiger Angsthase“, lacht sie.

Zwei Chaotinnen in Wien

Lachen gehört im sympathischen Team Hüberli/Betschart, das sein Jahresbudget von knapp 50‘000 Franken – ohne Lebensunterhalt in der Schweiz – durch die Sporthilfe, Sponsoren und Preisgelder deckt, zur Tagesordnung. „Wir verstehen uns nicht nur auf dem Feld gut“, sagt Nina. Sie seien auch beide grosse Chaotinnen, lacht Tanja: „In unserem Hotelzimmer schaut es jeweils innert kürzester Zeit aus wie in einem Hühnerstall.“ Und sie, die eigentlich Ruhe und Routine braucht vor den Matches, müsse ab und zu zurück ins Zimmer rennen, weil sie wieder etwas vergessen habe. Bezüglich Perspektiven sind sich die beiden einig: Schritt für Schritt lautet die Devise. Olympia 2020 sei wenn überhaupt nur weit im Hinterkopf präsent. Auch die Diskussionen um die Schweizer Nummer 1 seien überhaupt kein Thema, denn für sie zähle nur der internationale Vergleich. „Wir vier haben einen Riesenvorteil, uns im Training gegenseitig zu Höchstleistungen zu pushen, wir profitieren enorm voneinander.“, sagt Betschart. Die Entwicklung im (medialen) Schatten der beiden Olympiateilnehmerinnen Heidrich/Vergé-Dépré bringe auch gewisse Vorteile mit sich. Überhaupt beginne jedes Turnier wieder bei Null. So auch die WM in Wien, wo beide auf einen grossen privaten Fanclub werden zählen können. Während die Ältere im Team bereits zweimal dabei war, ist es für Betschart die erste Elite-WM. „Vielleicht kommt die Nervosität noch mit der Ankunft in Wien.“ Vielleicht auch nicht, denn die Resultate aus dem Nachwuchs beweisen, dass die Jüngere im Team wie gemacht ist für Titelkämpfe. „Ich reise zum ersten Mal mit Ambitionen an eine WM“, sagt Hüberli. Das Ziel heisse Achtelfinal. Doch aufgepasst: „Wenn wir in einen Lauf kommen, können wir viele schlagen.“


Team or Dream?

Wer …

Tanja sagt:

Nina sagt:

Punkte

hängt öfter am Handy?

Sie

Beide genug, Sie

-

braucht länger im Bad?

Sie

Ich, wir sind beide schnell

1

flucht mehr?

Ich

Sie

1

ist chaotischer?

Beide, Ich

Beide, ich

0.5

ist pünktlicher

Ich

Sie

1

isst mehr Süsses?

Sie

Ich

1

ist der grössere Morgenmuffel?

Beide keine, eher sie

Beide keine, eher ich

1

kocht besser?

Ich

Sie

1

Wer tanzt besser?

Hab sie noch nie gesehen

Sie, ich tanze nicht oft/gern

1/2

kommt bei Fans besser an?

Sie

Sie

-

ist Chef auf / neben dem Platz?

Ich/Ich

Sie/Sie

1/1

 

 

 

lernt fleissiger fürs Studium?

Sie

Ich

1

 Fazit: 10/13 Punkten = Good Mates :-)


©Swiss Volley

Kategorie: Beachvolleyball